Wie giftig ist die Herbstzeitlose für Pferde?
"Getrocknete Herbstzeitlose im Heu ist nicht mehr giftig." oder "Pferde fressen die Herbstzeitlose im Heu oder auf der Weide nicht mit."
Diese falschen Annahmen rund um die Herbstzeitlose sind leider noch weit verbreitet!
Wie erkenne ich die Herbstzeitlose?
Die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) durchläuft einen interessanten Entwicklungszyklus. Im Frühjahr zeigen sich die bis zu 25 cm langen, tulpenähnlichen Blätter, in deren Mitte sich dann die samentragende Fruchtkapsel bis in den Juni hinein entwickelt. Mit zunehmender Reife der Samenkapsel verwelkt die Pflanze oberirdisch und lagert die Nährstoffe in den 10 - 20 cm tief im Boden sitzenden Knollen ein. In dieser Zeit bleibt die Herbstzeitlose inmitten der üppig wachsenden Gräser oft unentdeckt. Die reifen Samen besitzen Klebdrüsen und können so durch das Anhaften an Maschinen oder Tieren leicht verbreitet werden.
Wie der Name schon verrät, blüht die Herbstzeitlose erst im Herbst - zwischen August und Oktober (meist im September) treiben aus den Knollen die typischen rosa-/lilafarbenen Blüten aus, die zu diesem Zeitpunkt auf den kürzeren Wiesen kaum zu übersehen sind.
Achtung, Verwechslungsgefahr! Die Blätter des essbaren Bärlauchs können leicht mit denen der Herbstzeitlose verwechselt werden!
Wo wächst die Herbstzeitlose?
Früher war die Herbstzeitlose hauptsächliche im süddeutschen Raum anzutreffen, heutzutage ist sie aber auch weiter nördlich zu finden. Grund hierfür ist vor allem das veränderte Flächenmanagement der Wiesen und Weiden. Die Herbstzeitlose mag es extensiv - sie bevorzugt feuchte, nährstoffreiche Lehm- und Tonböden mit extensiver Düngung und Nutzung. Seltener anzutreffen ist die Herbstzeitlose auf intensiv genutzten Flächen mit frühzeitiger und häufiger Schnittnutzung. Die steigende Extensivierung und die späten Schnittzeitpunkte passen somit ideal zum Entwicklungszyklus der Herbstzeitlose.
Durch die auf für Pferde genutzen Wiesen und Weide oftmals ausbleibende Düngung und den späten Schnittzeitpunkt für Pferdeheu, bieten sich der Herbstzeitlose ideale Bedingungen für die Ausbreitung. Zu diesem Zeitpunkt hat die Herbstzeitlose die Nährstoffe bereits in den Knollen angereichert und kann problemlos im Folgejahr wieder austreiben, zudem sind die Samen bereits gereift und werden bei der Heugewinnung auf den Flächen verbreitet.
Ist Herbstzeitlose giftig für Pferde?
Die Herbstzeitlose ist hoch giftig. Sie enthält über 20 Alkaloide – der bekannteste Hauptwirkstoff ist Colchicin. Alle Pflanzenteile sind giftig, die Alkaloidgehalte variieren jedoch je nach Bestandteil und steigen mit zunehmender Reife an.
Colchicin ist ein hochgiftiges Zell- und Kapillargift, in der richtigen Dosierung ist es jedoch auch ein wertvolles Therapeutikum. Es wird z. B. bei Gicht eingesetzt.
Auch getrocknete Herbstzeitlose im Heu ist giftig!
Leider ist und bleibt die Herbstzeitlose giftig – auch im getrockneten Zustand. Der Konservierungsprozess hat keinen Einfluss auf die Alkaloidgehalte und die giftigen Inhaltsstoffe bleiben somit auch im Heu oder Heulage erhalten.
Die Wirkung des enthaltenen Colchicins als Zellgift zeigt sich bei Pferden vor allem im Dünndarm und Knochenmark. Im Magen-Darm-Trakt führt dies zu schweren Schleimhautreizungen. Als Kapillargift schädigt es die Blutkapillaren und kann dadurch auch die Blut-Hirn-Schranke passieren.
Wie gefährlich ist die Herbstzeitlose für Pferde?
Bereits 5 Gramm der Samen der Herbstzeitlose können für erwachsene Menschen tödlich sein.
Bei Pferden liegt die akute letale Dosis bei 1 mg Colchicin/kg Körpergewicht, dies entspricht ca. 400 Gramm getrocknetem Pflanzenmaterial. Eine tägliche Aufnahme von 5 kg Heu mit 1,48 % Herbstzeitlose (d.h. 74 Gramm getrocknete Herbstzeitlose pro Tag) führte bei betroffenen Pferden nach drei Tagen zu massiven Koliken.
Fressen Pferde nur das, was ihnen guttut?
Die Antwort lautet leider: Nein!
Eine Vielzahl von Fallberichten und die Studie von Müller et al. (2021) zeigen, dass Pferde Herbstzeitlose im Heu nicht meiden. Um Hunger als Grund für die Aufnahme der Herbstzeitlose auszuschließen, fand die Studie unter ad libitum Heufütterung statt. Nur ein Pferd lehnte bei der ersten Fütterungsperiode die Bestandteile der Herbstzeitlose im Heu ab, von den anderen Pferden selektierte keines die Herbstzeitlose aus. Nach wiederholter Vorlage fraß aber auch das Pferd, das zunächst ein gewisses Vermeidungsverhalten zeigte, die Herbstzeitlose mit.
Heu oder Weiden, die mit Herbstzeitlose kontaminiert sind, dürfen für Pferde nicht zugänglich sein und es sollte nicht auf ein Meideverhalten der Pferde vertraut werden!
Symptome einer Vergiftung durch Herbstzeitlose
Eine Vergiftung durch die Herbstzeitlose äußert sich mit vielfältigen Symptomen, wodurch die Diagnosestellung aufgrund falscher Rückschlüsse oft erschwert wird.
Neben blutigem Durchfall und Urin, Ödemen und Koliken, werden auch Hufrehen, Husten und Kreislaufprobleme beschrieben.
Passiert das Colchicin die Blut-Hirn-Schranke und wirkt auf das zentrale Nervensystem ein, können neurologische Störungen ausgelöst werden – die Wirkung wird zunächst als erregend, später hingegen aber als dämpfend und lähmend beschrieben.
Die beschriebenen vielfältigen Symptome lassen nicht immer unmittelbar einen direkten Bezug zu Giftpflanzen vermuten. So wurden auch in den von Wolf et al. beschriebenen Praxisfällen anhand der vorliegenden Symptome zunächst falsche Rückschlüsse gezogen. Bei Koliken wurden die Fehler zunächst in der Rationsgestaltung gesucht oder bei Husten z. B. von staubigem oder mikrobiell belastetem Grundfutter ausgegangen. Außerdem wurde deutlich, wie wichtig die Aufklärung von Stallbetreibern, Mitarbeitern und Pferdebesitzern bezüglich Giftpflanzen ist, damit diese auch als solche identifiziert werden. Im getrockneten Zustand wird die Herbstzeitlose im Heu z. B. auch gerne mit dem ungiftigen Spitzwegerich verwechselt.
Was tun, wenn mein Pferd Herbstzeitlose gefressen hat?
Das Colchicin wird vom Gewebe schnell aufgenommen, erste klinische Symptome treten jedoch erst nach 4 – 12 Stunden auf. Neben der Rücksprache mit dem Tierarzt ist daher das engmaschige Beobachten der betroffenen Pferde entscheidend.
Eine ernährungsphysiologische Unterstützung erfolgt in Abhängigkeit der auftretenden Symptome. Grundsätzlich sollte auf eine Unterstützung des Verdauungstraktes und der Leber geachtet und schleimhautregenerierende Nährstoffe, wie L-Glutamin, ergänzt werden. Geeignete Ergänzungsfuttermittel sind z. B. das MykoTox, Leber-Additiv und das MagenRegulat oder Gastro Care Plus.
Für eine indiviuelle Beratung steht unser Beratungsteam jederzeit zur Verfügung.
Wie bekämpfe ich die Herbstzeitlose?
Als Bekämpfungsstrategien eignen sich Maßnahmen die den Entwicklungszyklus durchbrechen, die Herbstzeitlose schwächen und ihre Ausbreitung unterbinden. Neben dem händischen Ausstechen bzw. Ausziehen der Pflanzen (Handschuhe tragen!), kann das „Aushungern“ für die Bekämpfung genutzt werden. Hierfür ist ein frühes Mulchen im April/Mai oder eine frühe Schnittnutzung notwendig, da dann die meisten Nährstoffreserven aus den Knollen für das Wachstum mobilisiert sind und die Pflanzen nachhaltig geschwächt werden.
Seither und Elsäßer (2014) kamen zu dem Schluss, dass eine Kombination aus Mulchen im April und Schnittnutzung im Juni die geeignetste Methode sei. Hierbei wurde zum einen die Herbstzeitlose in ihrer Anzahl nach 3 - 6 Versuchsjahren deutlich reduziert und zum anderen wirkte sich diese Bekämpfung nicht negativ auf die restliche, gewünschte Vegetationszusammensetzung aus. Ein Mulchen im Mai führte ebenfalls zur Reduktion der Herbstzeitlose, jedoch nahm die Artenvielfalt auf extensiv genutzten Wiesen ab.
Des weiteren werden die trittintensive Beweidung im Frühjahr mit Schafen (relativ unempfindlich gegen die Herbstzeitlose), der Einsatz von Stachelwalzen oder eine Herbizidbehandlung als mögliche Bekämpfungsstrategien beschrieben.
Quellen:
Hoiß, B., Berg, M., Krämer, M. (2022): Die Herbstzeitlose im extensiven Grünland, ANliegen Natur 44(1), S. 123 - 126, Laufen
Müller, C. (2022): Untersuchung des equinen Selektionsverhaltens in Bezug auf Herbst-Zeitlose (Colchicum autumnale L.) im Heu, Online Ressource: https://ul.qucosa.de/api/qucosa%3A79393/attachment/ATT-0/, Abruf: 24.04.2025
Seither M, Elsäßer M. (2014): Bekämpfungsstrategien gegen Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) und deren Auswirkungen auf die botanische Zusammensetzung artenreicher Wiesen, Multifunktionalität des Dauergrünlandes erhalten und nutzen, S. 61 - 67, Landwirtschaftliches Zentrum für Rinderhaltung, Grünlandwirtschaft, Milchwirtschaft, Wild und Fischerei, Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft
Wolf, P., Wichert, B., Aboling, S., Kienzle, E., Bartels, T., Kamphues, J. (2009): Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) - Vorkommen und mögliche Effekte bei Pferden, Tierärztliche Praxis Großtiere 5/2009, S. 330 - 336, Schattauer
