Esparsette-Cobs für Pferde: Was steckt wirklich dahinter?
Zwischen Hype und Fakten – ein kritischer Blick auf Tannine, Protein und die Frage: Braucht mein Pferd das wirklich?
Esparsette (Onobrychis viciifolia) ist zurück. Was früher als robuste Leguminose für schwer arbeitende Ackerpferde angebaut wurde, feiert heute als Esparsette-Cob ein erstaunliches Revival – und wird von Futterherstellern mit bemerkenswert vollmundigen Versprechen vermarktet: zuckerarm, wurmtreibend, hochwertiges Bypass-Protein, darmstabilisierend. Wer sich die wissenschaftliche Literatur dazu genauer ansieht, stellt fest: Die Realität ist differenzierter.
Was ist Esparsette – und warum ist sie gerade so beliebt?
Die Esparsette gehört zur Familie der Schmetterlingsblütler und war jahrhundertelang eine wichtige Futterpflanze in der europäischen Landwirtschaft. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft verschwand sie weitgehend, wird aber seit einigen Jahren im Pferdesegment wieder verstärkt vermarktet – vor allem in Form gepresster Cobs.
Der Grund für das Interesse: Esparsette enthält kondensierte Tannine (Proanthocyanidine), sekundäre Pflanzenstoffe, die im Tierversuch – hauptsächlich bei Wiederkäuern – interessante Effekte gezeigt haben. Auf dieser Grundlage entstand ein ganzes Werbenarrativ, das beim genauen Hinsehen kritisch geprüft werden muss.
Esparsette im Vergleich zu Luzerne – Analysewerte
| Analysewert | Typischer Bereich | Vergleichswert Luzerne |
| Rohprotein | 12 – 15,4 % | 18 – 22 % |
| Praecaecale verdauliches Rohprotein (pcvXP) | ca. 85 – 95 g/kg | ca. 90 – 100 g/kg |
| Rohfaser | 25 – 30 % | 25 – 32 % |
| Rohfett | 1,7 – 5,3 % | 2 – 3 % |
| Rohasche | 6,4 – 9,7 % | 8 – 10 % |
| Zucker + Fruktan | < 7 – 10 % | 3 – 6 % |
| Stärke | < 3 % | < 3 % |
| Calcium | 0,99 – 1,99 % | 1,2 – 1,6 % |
| Phosphor | 0,20 – 0,26 % | 0,22 – 0,30 % |
| Magnesium | 0,13 – 0,22 % | 0,20 – 0,25 % |
| Kondensierte Tannine | 2,6 – 5,1 % | nicht vorhanden |
| Rutin | bis 1170 mg/kg | gering |
| Beta-Carotin | bis 72,5 mg/kg | bis 120 mg/kg |
| Metabolische Energie (ME) | ca. 6,9 – 10,5 MJ/kg | ca. 9,5 – 10,7 MJ/kg |
Sind Esparsette-Cobs für Pferde zuckerarm?
Die Werte zeigen, dass die Esparsette weniger Protein und weniger Energie als die Luzerne enthält – Esparsette ist aber die einzige gängige Pferdefutterpflanze mit nennenswertem Tanningehalt.
Esparsette Zuckergehalt: besser als ihr Ruf – aber nicht so niedrig wie versprochen
Gegenüber Heu- oder Wiesencobs enthalten Esparsetten-Presslinge tatsächlich weniger leichtverdauliche Kohlenhydrate. Verschiedene Nährwerttabellen unterschiedlicher Sorten zeigen jedoch: Ein Zuckergehalt unter 7 % konnte bei keiner Analyse ermittelt werden.
Einzelne Futterhersteller geben erstaunlicherweise Werte zwischen 0,1 und 2,5 % an – bei vielen fehlt diese Angabe sogar ganz. Diese Angaben sind kritisch zu hinterfragen. Selbst bei einem realistischeren Zuckergehalt von 7 – 10 % ist die Belastung für Pferde mit EMS, Insulinresistenz oder Blutzuckerintoleranz jedoch vertretbar – sofern die Gesamtration stimmt.
Esparsette als Eiweißquelle: sinnvoll – aber für wen?
Grundsätzlich ist der Eiweißbedarf der meisten Pferde bereits über normale Heu- oder Weidefütterung gedeckt. Einen tatsächlich erhöhten Bedarf an essenziellen Aminosäuren haben:
- sportlich sehr aktive Pferde
- Zuchtstuten und Deckhengste
- Jungpferde im Wachstum
- ältere Pferde mit verlangsamtem Stoffwechsel
Für diese Gruppen können proteinreiche Leguminosen wie Luzerne, Soja, Leinsamen, Erbsenmehl – oder eben Esparsette – sinnvoll sein. Für das durchschnittliche Freizeitpferd ist ein Eiweißmangel jedoch die Ausnahme, nicht die Regel. Zu viel Protein belastet den Entgiftungsstoffwechsel, behindert die Aufnahme von Nähr- und Vitalstoffen und stört die Synthese wichtiger B-Vitamine.
Das Bypass-Protein-Versprechen: Für Kühe belegt, beim Pferd nicht nachgewiesen
Hier beginnt die kritische Zone der Esparsette-Vermarktung.
Die kondensierten Tannine in der Esparsette bilden bei neutralem bis leicht saurem pH-Wert reversible Komplexe mit Proteinen. Bei Wiederkäuern schützt dieser Mechanismus das Futterprotein vor dem Abbau im Pansen – es wird erst im Dünndarm freigesetzt und steht dort zur Absorption bereit. Dieser als „Bypass-Protein“ oder „rumen undegradable protein" bekannte Effekt ist in der Wiederkäuerforschung gut dokumentiert (u. a. Aufrère et al. 2005, Stewart et al. 2019).
Beim Pferd liegt kein Pansen vor. Das Pferd ist ein Hindgut-Fermenter: Die Vorverdauung findet nicht statt, Protein wird primär im Dünndarm enzymatisch aufgespalten, die mikrobielle Fermentation erfolgt erst im Caecum (Blinddarm) und Dickdarm. Was dort mikrobiell produziert wird, steht dem Pferd kaum noch als Aminosäurequelle zur Verfügung.
Bislang existiert keine einzige In-vivo-Studie am Pferd, die eine verbesserte Aminosäureverfügbarkeit oder eine reduzierte Harnstoffausscheidung durch Esparsette-Tannine belegt. Der Mechanismus wird aus der Wiederkäuerforschung auf das Pferd übertragen – ohne direkte Evidenz. Daraus ergibt sich ein logisches Dilemma, das die Vermarktung nicht auflöst:
- Wenn kondensierte Tannine beim Pferd Protein binden, sinkt die Verfügbarkeit der beworbenen Aminosäuren.
- Wenn sie es nicht binden, entfällt der zentrale Werbevorteil.
Dieser Widerspruch ist in der wissenschaftlichen Literatur bislang nicht aufgelöst.
Die Tannine aus der Esparsette: Heilmittel auf Zeit – kein Dauerfutter für Pferde
Kondensierte Tannine sind Polyphenole mit physiologisch relevanten Eigenschaften – das ist unbestritten. In der Phytotherapie werden Gerbstoffpflanzen seit Jahrhunderten eingesetzt, weil sie:
- adstringierend wirken (Schleimhäute festigen sich)
- antimikrobiell wirken (Bakterien und Pilzen wird der Nährboden entzogen)
- antidiarrhöisch wirken (Schutzfilm auf der Darmschleimhaut verhindert Toxinaufnahme bei Dysbiose)
Genau diese Eigenschaften sind jedoch der Grund, warum eine Dauerfütterung in höheren Mengen problematisch ist: Die adstringierende Wirkung der Tannine hemmt nicht nur Bakterien – sie hemmt auch die Resorption von Nährstoffen durch die Darmschleimhaut (Lindner 1990). Tannine können Verdauungsenzyme binden und in ihrer Funktion einschränken.
In der Phytotherapie gilt für alle gerbstoffreichen Heilpflanzen – Eichenrinde, Blutwurz, Tormentill, Ratanhia – dasselbe Prinzip: kurzfristig therapeutisch sinnvoll, nicht zur dauerhaften Gabe geeignet.
Bei sehr hohen Mengen (in der Literatur werden Größenordnungen von ca. 3 kg je 500 kg Körpermasse über längere Zeit genannt) können beim Pferd akute Vergiftungszeichen auftreten: Fressunlust, apathisches Verhalten, Obstipation, Blähungen, blutiger Durchfall. In seltenen Extremfällen sind Nierenschäden beschrieben. Wichtig: Bei praxisüblichen Cob-Mengen ist dieses Risiko nicht relevant – es beschreibt die toxische Schwelle, nicht den normalen Einsatzbereich.
Ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion oft fehlt: Tannine können die Vitamin-B1-Synthese beeinträchtigen – ausgerechnet jenes Vitamin, das für den Kohlenhydratstoffwechsel unverzichtbar ist.
Für welche Pferde ist Esparsette sinnvoll und in welcher Menge?
Die Grenze zwischen sinnvollem Einsatz und Überdosierung liegt nach derzeitigem Kenntnisstand bei etwa max. 100 – 200 g täglich für ein 500 – 600 kg Pferd als Orientierungswert für eine unkritische Dauergabe. Diese Menge ist als Orientierungsgröße für stoffwechselbelastete Pferde zu verstehen, nicht als wissenschaftlich ermittelter Grenzwert, sondern aus phytotherapeutischen Grundsätzen.
In moderaten Mengen und zeitlich begrenzt ist die Esparsette potenziell sinnvoll für:
- Pferde mit akuten Verdauungsproblemen (Kotwasser, leichte Dysbiose, Durchfall)
- Pferde auf stärkereichem Futter, die von einer faserreichen Leguminose profitieren
- Jungpferde, Sportpferde, Stuten mit echtem Mehrbedarf an Aminosäuren
Kritisch zu hinterfragen ist die Fütterung von Esparsette bei:
- Stoffwechselpferden (EMS, PPID, Insulinresistenz) – nicht wegen des Zuckers, sondern wegen des Proteingehaltes und der Tanninwirkung auf die Nährstoffresorption
- Pferden mit ohnehin hohem Proteinanteil in der Ration
- Dauerfütterung in größeren Mengen – hier überwiegen die Risiken der Tanninwirkung den möglichen Vorteilen
Hat die Esparsette wirklich einen wurmtreibenden Effekt?
Esparsette soll wurmtreibend wirken – dieses Versprechen findet sich auf nahezu jeder Produktseite. Die wissenschaftliche Grundlage ist schmaler als dargestellt.
Es gibt bislang drei In-vivo-Studien am Pferd, alle aus derselben französischen Forschungsgruppe:
- Malsa et al. (2022):
Kein signifikanter Unterschied der Eiausscheidung (FEC) zwischen Esparsette-Gruppe und Kontrollgruppe zu irgendeinem Messzeitpunkt. Die Autoren schreiben ausdrücklich: Esparsette, wie sie in dieser Studie verabreicht wurde, scheint nicht in der Lage zu sein, Cyathostomine (Kleine Strongyliden) unter Feldbedingungen/in der Praxis wirksam zu kontrollieren. - Grimm et al. (2022):
Ein schwaches Signal bei der höchsten Dosis (SF2) vor der anthelmintischen Behandlung (Wurmkur) – danach kein Effekt. Kleine Stichprobe, kurze Beobachtungszeit, starke inter-individuelle Varianz. Fazit der Autoren: Mögliche anthelmintische Wirkungen der Esparsette auf die Fruchtbarkeit der Parasiten sind kontextabhängig, insbesondere von der Zusammensetzung der Fütterung abhängig. - Sorci et al. (2024):
Esparsette reduzierte den FEC-Anstieg – aber ausschließlich bei stärkereicher Diät, nicht bei Heubasisfütterung. Der eigentliche Treiber war das stärkereiche Kontrollfutter, das die Eiausscheidung erhöhte.
Konsistent über alle drei Studien hinweg ist lediglich ein in-vitro-Effekt auf die Larvenmotilität – ob das klinisch relevant ist, bleibt offen.
Fazit: Esparsette kann unter bestimmten Bedingungen die Strongylidenentwicklung leicht beeinflussen. Als zuverlässige Entwurmungsstrategie ist sie nicht geeignet und bei dauerhaft hohen Gaben zahlt das Pferd mit den oben beschriebenen Nebenwirkungen.
Esparsette fürs Pferd – eine gute Pflanze, aber kein Allheilmittel
Die Esparsette ist eine interessante Futterpflanze mit belegten Eigenschaften – zuckerarm, faserreich, mit physiologisch aktiven Tanninen. Der aktuelle Vermarktungstrend überhöht diese Eigenschaften jedoch deutlich: Der Bypass-Protein-Effekt ist beim Pferd nicht belegt, die Wurmwirkung ist in der Praxis nicht verlässlich und die Dauerfütterung hoher Mengen steht im Widerspruch zu dem, was wir über Gerbstoffe in der Phytotherapie wissen.
Die ehrliche Antwort auf die Frage „Braucht mein Pferd Esparsette?" lautet: meistens nein – manchmal ja, aber dann dosiert und zeitlich begrenzt.
FAQ: Esparsette-Cobs fürs Pferd – die häufigsten Fragen
Der Zuckergehalt liegt realistisch bei 7 – 10 % – höher als von vielen Herstellern angegeben, allerdings noch im Rahmen für Pferde mit Insulinresistenz.
Problematischer ist der Proteingehalt: Stoffwechselpferde haben oft ohnehin eine zu hohe Eiweißzufuhr. Esparsette-Cobs in großen Mengen erhöhen diese Belastung zusätzlich. Kleine Mengen (unter 100 – 200 g/Tag bei einem 500 kg Pferd) sind in der Regel vertretbar.
In-vitro-Studien zeigen Effekte auf die Bewegungsfähigkeit von Strongylen-Larven. In drei In-vivo-Studien am Pferd konnte jedoch keine konsistente Reduktion der Eiausscheidung nachgewiesen werden. Als Ersatz für eine gezielte Entwurmung sind Esparsette-Cobs nicht geeignet.
Esparsette enthält fast ausschließlich kondensierte Tannine (Proanthocyanidine), die in moderaten Mengen als unbedenklich gelten. Hydrolysierbare Tannine – wie in Eicheln oder Eichenrinde – sind für Pferde hepatotoxisch und kommen in der Esparsette nicht als relevante Fraktion vor.
Dieser als „Bypass-Protein“ bekannte Effekt ist für Wiederkäuer (Rinder, Schafe) gut belegt. Beim Pferd als Hindgut-Fermenter ohne Pansen fehlt bisher jeder In-vivo-Nachweis. Der Mechanismus wird aus der Wiederkäuerforschung extrapoliert – ohne direkte Evidenz für das Pferd.
Aus phytotherapeutischer Sicht gilt für alle gerbstoffreichen Pflanzen: kurzfristig sinnvoll, nicht zur Dauergabe. Die adstringierende Wirkung der Tannine hemmt bei langfristiger Gabe auch die Nährstoffresorption und kann die Vitamin-B1-Synthese beeinträchtigen.
Als Orientierungswert gilt: unter 40 g Cobs pro 100 kg Körpermasse täglich als unkritische Dauergabe. Größere Mengen sollten zeitlich begrenzt und mit Beobachtung des Pferdes erfolgen.
Nicht grundsätzlich – es kommt auf den Einsatzzweck an. Luzerne enthält mehr Protein und Energie, Esparsette enthält Tannin und weniger Protein. Bei Pferden mit Neigung zu Blähungen oder leichten Verdauungsproblemen kann Esparsette vorteilhafter sein. Für Sportpferde mit echtem Mehrbedarf an Aminosäuren liefert Luzerne mehr verwertbares Protein.
Die adstringierende Wirkung der Tannine kann bei Kotwasser kurzfristig hilfreich sein – sie festigt die Darmschleimhaut und hemmt Entzündungsprozesse. Dieser Effekt ist jedoch zeitlich begrenzt und begründet keine Dauerfütterung. Die Ursache des Kotwassers sollte parallel diagnostisch abgeklärt werden.
Quellen:
Grimm P. et al. (2022): Die Zugabe von Esparsette zur Ernährung könnte die Strongylideninfektion bei natürlich infizierten Pferden beeinflussen. Animals, 12(8), 955. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9029355/
Malsa J. et al. (2022): Einfluss von Esparsette auf die Ausscheidung von Cyathostomin-Eiern, die Larvenentwicklung, die Larvengemeinschaftsstruktur und die Wirksamkeit der Ivermectin-Behandlung bei Pferden. Parasitology, 149(11), 1439–1449. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10090777/
Sorci G. et al. (2024): Die Ernährung beeinflusst Strongylideninfektionen und die Darmflora im Dickdarm von Pferden. PLOS ONE. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11003623/
Aufrère J. et al. (2005): Kondensierte Tannine in Esparsette und deren Einfluss auf den Proteinabbau. IGC Proceedings. https://uknowledge.uky.edu/igc/20/themeA/185/
Stewart EK et al. (2019): Einfluss tanninreicher Heusorten auf die Methanemissionen im Verdauungstrakt und die Stickstoffverteilung bei Rindern. Journal of Animal Science. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6667269/
Lindner A. (1990): Zur Wirkung von Gerbstoffen im Verdauungstrakt des Pferdes. Pferdeheilkunde.
