Heufütterung beim Pferd – wie artgerecht und sinnvoll sind Heunetze und andere „Fressbremsen“

Wie lange fressen Pferde wirklich - was ist gesund?Seit zwei Jahren müssen die Studenten der College Caball während Ihrer Ausbildungszeit zum Ernährungstherapeuten für Pferde eine Facharbeit zum Thema: „Futteraufnahme und Kotabsatz in Abhängigkeit unterschiedlicher Formen der Heudarbietung“ schreiben und darin über eigene Beobachtungen berichten. Mittlerweile liegen sehr aufschlussreiche Studien an über 100 Pferde vor, so dass es sich lohnt, erste Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auch wenn diese analytischen Feststellungen aus den über 25 Facharbeiten am Ende nicht berücksichtigen, dass das Pferd als Individuum nicht grundsätzlich auf andere Pferde reproduzierbar reagiert, sind die Rückschlüsse in meiner Zusammenfassung dennoch auf die breite Masse übertragbar. Was ich damit sagen will ist, dass es durchaus Pferde geben wird, deren Fressverhalten gänzlich von der "Norm" abweicht. Immer dann, wenn man als Autor angeblich bewährte Futterpraxen am Ende auch in Frage stellt, führt dies zu Diskussionen und Beobachtungen werden angezweifelt, weil das eigene Pferd anders reagiert und selbst wissenschaftliche Feststellungen werden angezweifelt. Nichts desto trotz sind diese Beobachtungen an über 100 Pferden bereits repräsentativ und es würde mich freuen, wenn unsere Serie zu diesem Thema ggf. zum Umdenken anregt bzw. eine Diskussion mit dem Fokus auf das Pferdewohl geführt wird.

Der große Vorteil der in diesen Facharbeiten festgestellten Erkenntnisse ist, dass die Beobachtungen nicht unter „Laborbedingungen“ stattgefunden haben. Diese sogenannten „Feldversuche“ haben den Vorteil, dass sie unter natürlichen Bedingungen in den gewohnten Lebensräumen der Pferde stattfanden. Die Pferde wissen also nicht, dass sie an einem Experiment teilnahmen (sie wurden nicht eingestallt, an Geräte gehängt oder mit anderem Futter konfrontiert) und verhalten sich dadurch völlig normal.

Bevor ich aber auf die einzelnen sehr interessanten Feststellungen der Studenten eingehe und die größtenteils sehr interessanten Beobachtungen wiedergebe, möchte ich im folgenden 1. Teil dieser Serie über das berichten, was bisher bekannt ist.

Was bisher bekannt war – Heufütterung und die vorliegenden Erkenntnisse

Zur ernährungsphysiologischen Unterstützung bei Pferden mit Equinem Metabolischen Syndrom (EMS).Der Stammbaum des heutigen Pferdes begann vor ca. 60 Millionen Jahren. Mit den heute in der Wildnis lebenden Pferden hat das fuchsgroße, in den Wäldern lebende und Laub und Zweige fressende Urpferd nicht mehr viel gemeinsam. Die eigentliche Linie unserer heutigen Vierbeiner begann vor etwa 3 Millionen Jahren. Die oft zu lesende Behauptung, Pferde wären aus diesem Grund auch heute noch die idealen Laub- und Zweigefresser, stimmt daher nur bedingt. Nicht nur das Gebiss des Urpferdes, sondern der gesamte Organismus, samt Körperbau und Gliedmaßen, hat sich seitdem extrem verändert. Seit fast 5 Millionen Jahren leben bzw. lebten unterschiedliche Pferdefamilien (Arten) ausschließlich von der Nahrung, welche die Steppenareale in Eurasien, Nord- und Südamerika boten. Diese zogen sich teilweise über 6000 km lang durch einzelne bzw. mehrere Kontinente. Dort wuchs kaum ein Baum. Es waren überwiegend Gräser und Kräuterpflanzen, die mit wenig Wasser zurechtkamen und deutlich resistenter gegen Kälte waren, als unsere heutigen Weidepflanzen. Dennoch, eine Steppe verfügt über eine sehr üppige Vegetation. Je weniger Vegetation die Weideflächen anboten, desto größer wurden die Aktionsareale einzelner Pferderassen. Europäische Wildpferde kommen mit einem Areal von ca. 7 bis 10 km² zurecht. Andere, in kargen Regionen lebende Pferde (Mustangpferde) benötigen Weidegebiete bis zu 25 km². Im Frühjahr können diese Steppengräser das durch die Schneeschmelze entstandene Wasser aufnehmen und bis in den Sommer hinein davon zehren. Ein Grund dafür, warum Steppengräser und Kräuter tiefer wurzeln, eine niedrigere Wuchshöhe sowie dickere Blätter haben.

Heute anzunehmen, unsere Pferde bräuchten eine Vielzahl von Ästen oder Laub um auch artgerecht ernährt zu werden, ist dem Umstand geschuldet, dass einzelne Hirtenstämme vor vielen tausend Jahren Gräser und Laub konservierten, um die damals schon domestizierten Pferde über die harten Winter zu bringen. Auf dem normalen Speiseplan stehen sie eigentlich schon seit Jahrtausenden nicht mehr; d.h. aber nicht, dass Pferde das nicht auch fressen und verdauen können.

Es war schwer, eine Futteranalyse von Steppengras zu erhalten. Dennoch werden in Australien Steppengräser an Pferde verfüttert und hier gelang es mir eine Analyse zu bekommen. Sicher wird dies nicht 1:1 auf alle Regionen übertragbar sein – dennoch wird deutlich, dass wir einen merklichen Unterschied zu unseren heuten Weidegräsern haben.

 

1 kg Steppenheu (Australien)*

1 kg Heu (LUFA 2017)*

verdauliche Energie

8,2 MJ

6,2 MJ

Rohprotein (Gramm)

81

86

NDF (Gerüststoffe)

590

425 (Meyer/Conen)

Zucker

6,7 %

10,7

*umgerechnet auf die Originalsubstanz mit ca. 15 % Wasser

Erstaunlicherweise zeigen Steppengräser einen deutlich höheren Energieanteil, haben aber weniger Zucker und sind deutlich höher in seiner Strukturwirkung (NDF). Dies nimmt Einfluss auf die Futtermenge je kg, Kauschläge (bis zu 15 % mehr Kauschläge je h) und Verdauungsgeschwindigkeit.

Pferde zerkleinern während des Kauens ihr Futter stark. Die ideale Faserlänger von Heu und Stroh liegt bei 4 bis 8 cm und die Partikellänge beträgt nach dem Kauen idealerweise zwischen 1 und 4 mm. Für 1 kg Heu (aus den Studien wird deutlich, dass dieser Wert zunächst sehr theoretisch ist) benötigen Pferde je nach Größe zwischen 40 bis 80 Minuten je Stunde (Stroh 40 bis 100 Minuten). Theoretisch würde also ein Pferd mit 600 kg LM lediglich 4,5 bis 5,5 Stunden benötigen, um seinen Tagesbedarf an Heu zu decken. Damit wird deutlich, dass dieser Ansatz nicht stimmen kann. Je länger Pferde am Stück fressen, desto langsamer wird die Futteraufnahme und unter idealen Bedingungen nimmt die Futtermenge je Stunden deutlich ab. Diese Erkenntnis wird bei unterschiedlichen Fütterungspraxen nicht zwingend berücksichtigt. Auch darauf will ich im 2. Teil eingehen. (Das heute 1,5 kg kaufähiges Raufutter (Heu und Stroh) als Mindestmenge je 100 kg LM in der Futterration anzusetzen sind, denke ich, weiß heute jeder Stallbetreiber und Pferdebesitzer. Ordnungshalber sei dies nur noch einmal erwähnt.) 

Fressen Pferde 18 Stunden am Tag?

Diese Beobachtung ist eigentlich falsch, da ich nur eine Studie kenne, die diesen Wert als Maxime angegeben hat. Piotrowski 1983 und Zeitler-Feicht 2001 sprechen von 12 bis 18 Stunden. Scheibe et.al. beobachtete 1997 in einem Semireservat Przewalski-Pferde und bestätigte die Fressdauer von Boyd et. al mit 12 Stunden. Boyd beobachtete damals die Pferde in menschlicher Obhut. Harris 2007; Pirkelmann et al. 2008; Zeitler-Feicht 2008; Anonym 2009 sind sich darin einig, dass Pferde – wenn möglich – ca. zwei Drittel des Tages mit der Nahrungsaufnahme im langsamen Schritt verbringen. Idealerweise wären das dann 12 bis 16 Stunden pro Tag.

Die Grasungszeit und -dauer domestizierter pferde auf Weiden.

Die beiden Grafiken (unten) zeigen auf, dass die immer wieder genannten 18 Stunden Fresszeit mit den Beobachtungen der Pferde in Wildreservaten nicht übereinstimmen.

Fressverhalten bei freilebenden und auf Weiden gehaltenen Pferdegruppen

Quelle / Studien

beobachtete Jahreszeiten

beobachtete Tageszeiten

Anteil Fressen an der Beobachtungszeit (Mittelwert)

Berger (1986)

ganzjährig

tagsüber

14 h

Duncan (1992)

ganzjährig

24 Std.

14 h

Salter & Hudson (1976)

Jan. - Juni

tagsüber

18 h

Rogalski (1975)

Frühjahr bis Herbst

9 Std.

23 h

Van Dierendonck et. al. (1996)

Januar, April, Juli, Oktober

tagsüber

12 h

Roth (2002)

Frühjahr bis Herbst

tagsüber

11 h

Kühne (2003)

?

24 Std.

15 h

BOYD et. al. (1998)

Sommer

24 Std.

12 h Stuten; 15 h Hengste

*Quelle: u.a. Dissertation Franziska Roth: Entwicklung der räumlichen und sozialen Organisation von Przewalski Pferden unter naturnahen Bedingungen im Pentezuggebiet (2002).

 Relative Häufigkeit der Aktivitäten beobachteter Verhaltensweisen von Pferden in einer Gruppe.

Pferde fressen in freier Wildbahn je nach Jahreszeit ganz unterschiedliche Mengen. Einige Wissenschaftler haben über Jahre Przewalski- oder Exmoor-Pony- Wildherden beobachtet und stellten fest, dass die Futtermengen an Steppengras im Frühjahr (Hengste etwas mehr, Stuten weniger) fast doppelt so hoch gegenüber denen im Winter waren.

Je nach Futterressourcen und Wasserstelle legen Wildpferde im Schnitt täglich 20 km (bei Ressourcenknappheit bis zu 80 km) täglich zurück. In einem Offenstall oder in Ställen mit 24 Stunden Weidegang sind es ca. 2 bis 3 km (diverse Stallkonzepte, erreichen auch hier größere Strecken von 6 bis 11 km).

Wie war das mit den 4 Stunden Fresspause?

Neutralisiert überschüssige Magensäure und beruhigt und schützt den Magen.Auch hier entstehen immer wieder Bedenken oder auch Ängste, wenn Pferde längeren Fresspausen ausgesetzt werden. Diese Bedenken sind aus Gründen des natürlichen Verhaltens von Pferden in freier Wildbahn berechtigt. Im Regelfall ruhen Pferde bei entsprechendem Futterangebot und normalen Außentemperaturen maximal 2 bis 4 Stunden und nehmen dann die Nahrungsaufnahme wieder auf. Erste Magenschleimhautreizungen oder anderer verdauungsphysiologische Beeinträchtigungen konnten in allen Versuchen mit Pferden erst nach einer Futterkarenz von frühestens 8 bis 12 Stunden beobachtet werden. Auch wenn Fresspausen über 4 Stunden nicht erstrebenswert sind, geht davon grundsätzlich keine gesundheitliche Beeinträchtigung aus. Nach einer Nahrungskarenz sollte man auf jeden Fall die Fütterung mit Kraftfutter in jeglicher Form vermeiden. Wie so häufig kommen Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen. Was beobachtet werden kann ist, dass der pH-Wert im Magen nach 4 bis 6 Stunden Hungerphase in den „sauren“ Bereich kippt. Problematische – also für die Magenschleimhaut reizende – pH-Werte werden i.d.R. später erreicht. Neben einer Nahrungskarenz gibt es noch weitere Faktoren (Stress, Krankheit usw.), die zu Magen- bzw. Verdauungsproblemen führen können. Auch die Darreichungsform des Grundfutters spielt im Fressverhalten, der Fressdauer und des Stresspegels eine entscheidende Rolle. Nicht zu vergessen, dass die untersuchten Pferde unter „Laborverhältnissen“ gehalten wurden und sich über mehrere Tage bis Wochen einer unnatürlichen Prozedur unterziehen mussten. Das bedeutete massiven Stress für die Pferde und daher sollten die Erkenntnisse auch unter diesem Aspekt (Stress) bewertet werden. Darüber hinaus verhalten sich Pferde je nach Darreichungsform (Heu lose, Heunetz, Maulkorb oder computergesteuerte Fütterung) ganz unterschiedlich und die Beurteilung der Auswirkung von Fresspausen muss daher auch in diesen Fällen individueller ausfallen. Grundsätzlich sind daher Fresspausen bis zu 6 Stunden kein zwingendes Problem und in manchen Fällen (Adipositas) muss abgewägt werden, welches Futtermanagement am Ende für das Pferd zielführender ist. Hufrehe oder eine leichte Magenschleimhautreizung? Zweiteres wäre gut behandelbar oder durch ein entsprechendes Futtermanagement (häufiger kleinere Portionen, Heunetze – Achtung: Teil 2 abwarten) oder die Strohfütterung ggf. sogar vermeidbar.

Einflussfaktoren auf den pH-Wert des Mageninhaltes

Heu

Kraftfutter

Dauer der Futteraufnahme

lang

kurz

Speichelfluss

hoch

niedrig

Partikelgröße

grob

fein

TS-Gehalt der Futterbissen (%)

~20

~40

Füllung des Magens

langsam

schnell

Füllungsgrad des Magens, temporär

mäßig

mäßig bis stark, je nach Futtermenge

Schichtung des Mageninhaltes

locker

fest

TS-Gehalt des Mageninhaltes (%)

~20

20-40

Durchsaftung mit HCI

gut

schlecht

mikrobielle Aktivität

moderat

hoch

Pufferkapazität

gering

hoch

Magenentleerung

kontinuierlich

verzögert

Ulzerogenität

gering

hoch

pH im Mageninhalt

niedrig

hoch

Quelle: 24-stündige intragastrale ph-Metrie beim Pferd während der Fütterung verschiedener Rationen; Cornelia Damke (MEYER u. COENEN 2002 und ZEYNER 1995)

Im 2. Teil (ca. Ende 2018) dieser Zusammenfassung lesen Sie die unterschiedlichen Beobachtungen aus den Facharbeiten und die jeweiligen Rückschlüsse daraus. Es dürfte daher spannend bleiben.