Die Keimlinge des Bergahorns lösen ebenfalls die tödliche Weidemyopathie beim Pferd aus.Die bei Pferden noch nicht gänzlich geklärte sporadisch auftretende Muskelerkrankung mit meist tödlichen Folgen für das Pferd wurde bis dato nur im Herbst beobachtet. Auslöser dieser Atypischen Weidemyopathie, die insbesondere das vegetative Nervensystem, Rückenmark und Stammhirn der Pferde befällt, ist mittlerweile mit sicherer Wahrscheinlichkeit der Samen des Berg- und Eschenahorns. (Den Eschenahorn findet man überwiegend im Norden Deutschlands - Berlin/Brandenburg). Diese Ahornarten enthalten das hochtoxische Nervengift Hypoglycin A. Diese zunächst ungiftige Aminosäure wird in der Leber zu MCPA (Methylenecyclopropylacetic Säure) verstoffwechselt und hemmt dann lebensnotwendige Enzyme im Organismus des Pferdes. Nach heutiger Erkenntnis, geht man davon aus, dass nicht jedes Pferd das Hyperlycin A aus dem Samen oder Keimling zu Methylenecyclopropylacetic Säure (MCPA) metablolisiert. 

Nach heutiger Erkenntnis sterben über 80 % der Pferde, die diesen Samen des europäischen Bergahorns über das Futter aufgenommen haben. Die frühere Annahme, dass nicht nur der Samen, sondern bereits die Aufnahme welker Blätter ausreicht, um lebensbedrohliche Vergiftungssymptome zu erhalten, wurde verworfen. Heute sieht man die Blätter des Ahorns als eher ungefährlich an.

Im Herbst stark abgeweidete Pferdeweiden und ein entsprechender "Weidebefall" durch herabgefallene Flügelahornsamen, bergen daher ein hohes Risiko. Die noch geschmacksneutralen Samen werden von den hungrigen Pferden gerne gefressen.

Bedingt durch die entsprechend warmen Tage im Frühjahr und der noch sehr zurückhaltenden Vegetation des Weidegrases, können die sogenannten "Flügelfrüchte" des Bergahorns vom Herbst aufkeimen. Das Gras ist dann in seiner Wuchshöhe (<10 cm) nicht hoch genug und somit sind die Voraussetzungen für das Aufkeimen und vom Pferd "versehentlich" gefressenen Samen bzw. extrem "giftigen" Ahornkeimlings sehr günstig.

Symptome einer Vergiftung mit Bergahornsamen oder -keimlingen

Durch Hypoglycin A (bzw. MCPA) vergiftete Pferde  sind apathisch, haben häufig einen steifen Gang, zittern und zeigen neben starkem Schwitzen, kolikähnliche Symptome, dunkelbraunen Harnabsatz sowie eine erschwerte Atmung. Später folgt dann ein taumelnder Gang bis hin zu kompletten Bewegungslosigkeit.

Bei ersten Anzeichen ist dringend der Tierarzt zu rufen. Alle Pferde sind unbedingt von der Weide zu holen. Ein Festliegen ist unbedingt zu vermeiden - betroffene Pferde sind idealerweise mit dem Hänger von weiter entfernten Koppeln zu holen.

Wichtig zur Vermeidung einer Vergiftung durch Ahornsamen oder -keimlinge

  • Vermeiden Sie eine Überweidung der Pferdeweiden insbesondere in Waldrandnähe oder entlang von Baumalleen.
  • Entfernen Sie im Herbst alles Laub von den Weiden.
  • Warten Sie mit dem Anweiden, bis das Weidegras eine entsprechende Wuchshöhe hat (>10 cm, idealerweise 25 cm).
  • Füttern Sie in der Zeit, wo die Weide keine ausreichende Futtergrundlage bietet, unbedingt Heu dazu. Dies verhindert, dass Pferde auch andere weniger schmackhafte Pflanzen, Blätter oder Samen fressen.
  • Reduzieren Sie die Weidezeit im Herbst auf maximal 12 Std/Tag.
  • Denken Sie daran, dass die Vegetation im Frühjahr unter Bäumen und an Waldrändern meist einige Tage bis ein oder zwei Wochen zurückliegt. Das kürzere Gras an den Stellen führt dazu, dass die Pferde die Samen und Keimlinge aufnehmen – obwohl bereits an anderen Stellen das Gras höher ist.

Auch die Blätter des Bergahorns sind für Pferde giftigMerke:

Besonders giftig sind die Keimlinge und die ersten Folgeblätter; diese – so wird vermutet – sind noch nicht mit weiteren sekundären Pflanzenstoffen versehen, die die Pferde normalerweise vom Fressen solcher Triebe abhalten. Trotzdem sollte man sich nicht darauf verlassen, dass Pferde deshalb die ausgewachsenen Pflanzen meiden. Nach heutigem Kenntnisstand sollte die Weide mit ausreichendem Abstand zum Bergahorn eingezäunt werden oder die Weidestellen regelmäßig im Herbst von Samenresten befreit und im Frühjahr auf Keimlinge genauestens untersucht werden.

In einigen Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass bei einer Vergiftung Pferde mit hochwertiger Vitalstoffversorgung die größten Überlebenschancen hatten. Somit wird wieder deutlich, dass sich auch in solchen Fällen ein regelmäßig gefüttertes auf das Pferd ausgewogenes und auf das Immunsystem ausgerichtetes Mineralfutter (z.B. Mineral Plus) bewährt.

Sollten Sie einen Fall mit einer Vergiftung durch Bergahorn haben, bittet die Tierärztliche Hochschule Hannover um Kontaktaufnahme. Sie wollen die wichtige Forschung zu diesem Thema vorantreiben.

Quelle: Der Praktische Tierarzt 4/2017; mit freundlicher Unterstützung von Mag. med. vet. Caroline Rezabek