Kissing Spines - Ein möglicher Befund ist die Verengung der Abstände zwischen den Dornfortsätzen beim Pferd.Das Kissing Spines Syndrom zählt zu einer der am meisten diagnostizierten Rückenerkrankungen. Es wird auch das thorakolumbale interspinale Syndrom (TLI-Syndrom) genannt. Das Problem der sich „küssenden Dornfortsätze“ ist nicht erst in diesem Jahrhundert aufgetreten. Bei Ausgrabungen konnte man an einem 40.000 Jahre alten Fossil des Equus occidentals (Vorfahre des Pferdes) diese Rückenerkrankung nachweisen. Bei dieser Erkrankung kommt es zu einer Veränderung der Wirbelsäule. Betroffen sind bei dieser Erkrankung die Dornfortsätze. Diese nähern sich einander an und berühren oder überlappen sich sogar im schlimmsten Fall. Das dadurch bedingte aneinander reiben der nebeneinanderliegenden Wirbelenden kann sehr schmerzhaft sein und zu Entzündungen zwischen den Wirbeln führen. Dabei können auch knöcherne Zubildungen entstehen oder es kommt zu Zysten oder zystenartigen Veränderungen in diesem Bereich.

Die betroffenen Pferde sind meist zwischen sechs und neun Jahre alt oder manchmal auch noch jünger. Bei einigen Pferden stehen die Dornfortsätze von Geburt an näher beieinander. Genauer betrachtet besteht die Wirbelsäure des Pferdes aus 7 Halswirbeln, 18 Brustwirbeln, 6 Lendenwirbeln, 5 Kreuzwirbeln und 15-21 Schwanzwirbeln. Hauptsächlich betroffen bei einem Kissing Spines Syndrom sind meist die Brustwirbel ab dem 10. bis hin zum 4. Lendenwirbel. (Die eigentliche Sattellage befindet sich je nach Pferd individuell zwischen dem 9.-18. Brustwirbel.)

Folgende Befunde können auftreten:

  • Verengungen der Abstände zwischen den Dornfortsätzen
  • Randsklerosierungen (Sklerosierung = Verhärtung, Bindegewebszunahme)
  • Pseudoarthrosenbildung (Bildung eines falschen Gelenkes durch mechanische Einwirkung z.B. Reibung zwischen 2 Dornfortsätzen)
  • Insertionsexostose (Knochenzubildung an Bandansatzstellen)
  • Berührungen und Überlappen einzelner oder mehrerer Dornfortsätze (Kissing Spines)
  • Zystoide Veränderungen (Knochenzyste = flüssigkeitsgefüllter Hohlraum im Knochen)

Verschiedene Autoren haben unterschiedliche Graduierungen zur Einstufung der röntgenologischen Befunde an den DFS vorgenommen. Bei den Kissing Spines unterscheidet man nach Petersson 3 Grade:

  • Grad 1: verkleinerte Zwischenräume zwischen 2 oder mehreren Dornfortsätzen mit geringgradiger Sklerosierung der Corticalisränder; laut Röntgenleitfaden 2007 Klasse II-III
  • Grad 2: zwei oder mehr sich berührende Dornfortsätze mit mittelgradiger Sklerosierung der Corticalisränder; sowie teilweise röntgenologische Aufhellungen; Röntgenklasse III-IV
  • Grad 3: zwei oder mehr sich berührende oder überlappende Dornfortsätze mit Sklerosierung der Corticalisränder und/ oder osteolytische Zonen (zystoide Defekte); Röntgenklasse III-IV

Ursachen von Kissing Spines

Pferde mit einem Senkrücken sind eher prädestiniert für ein Kissing Spines Syndrom. Des Weiteren können auch Schäden an den Bändern oder an der Muskulatur des Rückens diese Erkrankung hervorrufen. Meistens ist hier die Ursache ein Sturz oder ein Überschlag des Pferdes. Zudem kann eine über lange Zeit verspannte Rückenmuskulatur Mitverursacher der Erkrankung sein. Die verspannte Rückenmuskulatur verkürzt sich und die Pferde haben Probleme das Reitergewicht ausbalanciert zu tragen. Die Symptome sind anfänglich sehr unspezifisch und nicht immer gleich erkennbar.

Das Kissing Spines Syndrom entwickelt sich zudem durch eine fehlerhafte Ausbildung und falsches Reiten des Pferdes. Viele Pferde werden in jungen Jahren schon überbelastet und haben keine Zeit sich altersentsprechend zu entwickeln. Im Gegensatz zu früher werden Pferde heute schon oft mit drei Jahren so geritten, wie es früher von 5-6 jährigen Pferden verlangt wurde. Für eine reelle Entwicklung der Muskulatur und des Knochenbaus bleibt also wenig Zeit. Ein zu schnelles Einreiten und turniermäßiges Belasten des Pferdes verhindert die Entwicklung einer tragenden Basismuskulatur. Durch verschiedenste Einwirkungen des Reiters (vermehrte Handeinwirkung, zu eng im Hals, verminderte Hinterhandaktivität, etc.) wird die fehlende Muskulatur kompensiert. Die jungen Pferde können ihre natürliche Bewegung nicht mehr erhalten oder verbessern und Muskeln, Sehnen, Bänder, Knochen und Gelenke werden in Mitleidenschaft gezogen.

Grundsätzlich sollte jedem Reiter klar sein, dass der Pferderücken für das Tragen eines Reiters nicht geschaffen ist, da es sich bei der Wirbelsäule im Bereich der Sattellage um eine Hängekonstruktion handelt. Diese Stelle der Wirbelsäule sitzt genau zwischen Vorder- und Hintergliedmaßen und der Reiter sitzt einen Fingerbreit über dem Skelett des Pferdes. Genau in diesem Bereich entstehen meist auch die Rückenprobleme (Kissing Spines).

Erste Anzeichen

Die Deutung von Symptomen ist nicht einfach. Meist beginnt alles mit einer verminderten Leistungsfähigkeit. Das muss, wie wir Pferdebesitzer nur zu gut wissen, nicht grundsätzlich etwas bedeuten. Dieses Symptom ist sehr unspezifisch. Ein weiterer Hinweis sind Druckschmerzen an den betroffenen Stellen der Wirbelsäule. Folgende weitere Symptome können auftreten:

  • Empfindlichkeit beim Putzen/Abtasten des Rückens
  • Durchdrücken des Rückens beim Aufsteigen/Anreiten
  • verminderte Rückenmuskulatur
  • Sattel- und/oder Gurtzwang
  • Arbeitsunlust
  • Taktfehler
  • schief getragener Schweif
  • Rittigkeitsprobleme
  • schwungloser Gang
  • eingeschränkte Hinterhandaktivität
  • Springen ohne Rücken
  • Verweigern vor dem Sprung
  • Wegrennen bei bestimmten Lektionen
  • Unwilligkeit beim Beschlagen, Schwierigkeiten beim Urin- und Kotabsatz
  • Widerwille sich in der Box zu legen oder sich zu wälzen
  • Zügellahm
  • Übergänge nicht fließend
  • keine konstante Anlehnung
  • Verhaltensveränderungen (beißen und treten, lassen sich schlecht einfangen)
  • Widerwille rückwärts zu gehen

Diagnose Kissing Spines

Ein erster Hinweis ist der Rücken an sich. Gibt es Unregelmäßigkeiten im Fell, Spuren eines Satteldrucks, Narben oder eine schlecht bemuskelte Rückenmuskulatur? Daran lässt sich augenscheinlich erkennen, dass das Pferd Probleme mit dem Rücken hat. Ein verändertes Verhalten des Pferdes unter dem Sattel zwischen hartem und weichem Boden kann zudem eine Diagnose unterstützen. Schlussendlich zeigt dann eine Röntgenaufnahme und in einigen Fällen auch eine Szintigraphie wo genau die Problematik sitzt und wie stark sie ausgeprägt ist.

Behandlung und Therapie

Studien befassten sich mit den Röntgenbildern bei Kissing Spines Pferden.Das wichtigste bei Pferden, die ein Kissing Spines Syndrom haben, ist der Freilauf. Je intensiver sich die Pferde frei bewegen können, desto schneller können sich die Verspannungen im Rücken lösen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, das Pferd erst einmal schmerzfrei zu bekommen. Dies kann auch mit Hilfe von schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln geschehen. Ist das Pferd weitestgehend schmerzfrei, kann mit einer osteopathischen Behandlung begonnen werden. Der Osteopath/in hilft dem Pferd die erste Grundmobilität wieder zu erlangen und der Besitzer erlernt einfache Übungen, die dem Pferd helfen, weiterhin die Mobilität zu erhalten. Zudem sollte auf eine korrekte Hufbearbeitung und später einen optimal passenden Sattel größten Wert gelegt werden. Zum Aufbau der Rückenmuskulatur ist die über mehrere Wochen (6 bis 12 Wochen) ausgeführte Arbeit vom Boden aus (Doppellonge, Stangenarbeit, Equikinetic usw.) deutlich effektiver als das Reiten auf dem schmerzenden Rücken des Pferdes. Muskelaufbaufördernde Mikronährstoffe (Aminosäuren, Vitamine und Spurenelemente) unterstützen in dieser Phase den Aufbau von Muskulatur. Durch ein gut durchdachtes Trainingsprogramm ist es oft möglich, die Rückenmuskulatur so zu stärken, dass ein Einsatz als Reitpferd wieder möglich wird.

Tipp: Das wichtigste ist eine gut trainierte Rückenmuskulatur, die hilft die Wirbelsäule zu stabilisieren und eine weitere Verschlechterung zu verhindern. Ziel sollte immer ein schwingender losgelassener Rücken sein. Empfohlen werden hier neben dem Longieren auch die Arbeit an der Hand (vor allem Seitengänge) und später intensives lockeres vorwärts - abwärts Reiten und immer wieder Zügel aus der Handkauen lassen, um die Rückenmuskulatur positiv zu trainieren.

In den meisten Fällen werden verschiedene Behandlungsmethoden miteinander kombiniert:

  • medikamentöse Behandlung
  • Einsatz von paramedizinischen Behandlungsmethoden wie Chiropraxis, Akupunktur, Physiotherapie (Wärme, Schwimmtraining, Elektrostimulation), Homöopathie
  • Einsatz von chondroitin- oder glucosamhaltigen Ergänzungsfuttermitteln
  • in seltenen Fällen eine chirugische Behandlung
  • Je nach Schweregrad und Schmerzempfinden des Pferdes kann die Behandlung in der ersten Zeit mit entzündungshemmenden Medikamenten (z.B. Equipalazone) oder Heilkräutern (z.B. Billy´s Teufelskralle oder Billy´s Gelenkkräuter) unterstützt werden.
  • In den meisten Fällen eignet sich auch eine Unterstützung durch Ergänzungsfuttermittel, welche vorrangig Glukosamin, Chondroitin, Hyaluronsäure und MSM (MobiCare, ArthriAid) enthalten. Die Versorgung mit hochwertigen essentiellen Aminosäuren, Vitamin E und Selen ist für Pferde mit dem Kissing Spines Syndrom zudem sehr wichtig.

Von einer chirurgischen Behandlung ist in vielen Fällen abzuraten, da nicht nur die Dornfortsätze an sich verändert sind und Schmerzen verursachen, sondern auch die Gelenkfortsätze am Wirbelkörper.

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Studie

Im Jahr 2005 veröffentlichte der Verdener Tierarzt Dr. Gerd Brunken eine Studie, in der bei 904 Pferden eine röntgenologische Reihenuntersuchung durchgeführt wurde. Es stellte sich heraus, das bei 67,5% klinisch gesunder Pferde (die keine Einschränkungen oder Schmerzäußerungen zeigten) Veränderungen vorlagen, die nicht dem Ideal entsprachen. Kürzere Absätze zwischen den Dornfortsätzen wurden bei 28,1% der Pferde festgestellt. Ein Überlappen der Dornfortsätze wurde bei 17,9% der Pferde diagnostiziert. Die drei unterschiedlichen Befunde traten bei gerittenen und ungerittenen Tieren auf – je nach Alter wurden die Befunde etwas mehr.

In einer anderen Untersuchung von Ranner und Gerhards 2002 wurden 169 Pferde auf das Kissing Spine Syndrom untersucht. Überwiegend wurden hier Warmblüter (129) untersucht. Bei 92 Pferden war das Kissing Spines Syndrom auf den Röntgenbildern erkennbar. Bei jedoch nur 46 Pferden konnte eine relevante primäre Rückenerkrankung diagnostiziert werden. In der Untersuchung fand man heraus, dass sich zwischen den sich berührenden Dornfortsätzen häufig Pseudogelenke bilden.

Es gibt immer wieder Fälle, in denen die Röntgenbilder von der Norm abweichen, aber die Pferde keine bis wenig Einschränkungen und Schmerzen zeigen. Ein sehr bekanntes Beispiel für einen solchen Fall dürfte das Vielseitigkeitspferd Bantry Bay von Dr. Anette Wyrwoll sein. Trotz massiver Veränderungen an den Dornfortsätzen innerhalb der gesamten Sattellage war er mit seiner Reiterin unter anderem bei den Olympischen Spielen in Sydney, bei Europameisterschaften und Deutschen Meisterschaften erfolgreich.

Allein ein Röntgenbild sagt in vielen Fällen noch nichts über den tatsächlichen Zustand aus. Hier müssen immer alle diagnostischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um ein möglichst klares Bild von der Intensität des Kissing Spines Syndroms, die bei jedem Pferd individuell ist, zu bekommen.


Quellen: Röntgenbefunde an den Dornfortsätzen klinisch rückengesunder Warmblutpferde, INAUGURAL-DISSERTATION; Matilda Holmer; München 2005; Die operative Behandlung des,,Kissing Spines"-Syndroms beim Pferd- 50 Fälle. Teil1 : Diagnostische Methoden; lnka Kreling und H. D. Lauk; Pferdeheilkunde 12 (1996)2 (März-April) 79-85;Behandlung von Kissing Spines https://www.fedimax.de/pferdekrankheiten/kissing-spines-behandlung/; Kissing Spines – Symptome, Diagnose und Therapie http://www.pferdeklinik-pegasus.at/?page_id=253; Therapieformen bei Hals- und Rückenerkrankungen; Dr. vet. med. A. Fürst, der praktische Tierarzt 90, Heft 12 (2009); Kissing Spines-Syndrom https://www.tierarzt-inka-kreling.de/lexikon/detail.php?nr=166&rubric=Lexikon; Kissing Spines – Das Problem sitzt in der Wirbelsäule https://www.st-georg.de/wissen/kissing-spines-das-problem-sitzt-in-der-wirbelsaeule/;Rückenprobleme und Kissing Spines – Woher sie kommen und was man dagegen tun kann! https://magazin.ehorses.de/kissing-spines/